Weils so kommod is: Französischer Charme im bayerischen Dialekt

Dass die Bayern in ihrer langen Geschichte des Öfteren mit den Franzosen zu tun hatten, ist eine historische Tatsache, die natürlich nicht ohne sichtbare Folgen blieb. So ist der weit über Frankreich hinaus strahlende Glanz des Sonnenkönigs Louis XIV bis heute an vielen bayerischen Schlössern und Palästen erkennbar. Weitere Einflüsse aus Frankreich durchziehen auch die bayerische Landeshauptstadt München, in der es sogar ein französisches Viertel gibt. Dass man früher in „gehobenen Kreisen“ in ganz Deutschland Französisch parlierte, ist allseits bekannt und im Hochdeutschen gibt es etliche aus dieser Sprache stammende Wörter wie z. B. Allee, Chaussee oder Appartement.

In Bayern hat die Zeit Napoleons seinerzeit viele sprachliche Spuren hinterlassen. Doch wussten Sie, wie viele französische Wörter auch heute noch ihren festen Platz im bayerischen Dialekt haben?  Begriffe, die so selbstverständlich gebraucht werden, dass niemandem mehr auffällt, dass sie einst von unseren französischen Nachbarn übernommen wurden? Als frankophile Bayern haben wir uns auf die Suche nach speziell bayerisch-französischen Begriffen gemacht und einige echte Schmankerln für Sie entdeckt.

Also: setzen Sie sich schön kommod aufs Kannapee, lesen und staunen Sie!

In Bayern macht man es sich manchmal auf dem Sofa, häufig aber auf dem Kannapee gemütlich. Dieses Möbelstück heisst auch in Frankreich so, nur wird es dort canapé geschrieben. „Se commoder“ sagen die Franzosen, wenn sie es sich bequem machen. Das finden auch die Bayern heute noch richtig „kommod“. Wenn jemand ein bißchen verklemmt ist, kann es sein, dass man ihn hierzulande als schenant einstuft. Dieses Adjektiv ist eine bayerische Wortschöpfung aus dem französischen Verb „se gêner“, das es in der Abwandlung „sich genieren“ auch im Deutschen gibt.

Ein „Potschamperl“ (pot de chambre = Nachttopf) braucht man heutzutage dank moderner Sanitäreinrichtungen zum Glück meistens nicht mehr, doch wenn eine „Blessur“ verarztet werden muss, weiß man in Bayern und Frankreich (la blessure) gleichermaßen, was Sache ist.

Wenn es Bayern eilig haben, pressiert es ihnen (französisch: se presser = sich beeilen) und Leihgaben bringt man nicht nur zurück, sondern „retour“. Streckenangaben werden ohnehin gerne in der Entfernung „hin und retour“ gemessen.

Bayerische Kinder spielen heute noch gerne „Tratzball“, ein Spiel, bei dem zwei Kinder sich gegenüber aufstellen und den Ball über den Kopf eines dritten, in der Mitte stehenden Kindes hin und herwerfen, bis dieses ihn fängt und mit dem Werfer den Platz tauschen darf. Dann geht es wieder von vorne los.

Die Nachbarn von gegenüber wohnen „visavis“ und wenn sie einen tratzen (französisch: tracasser = schikanieren, traktieren, ärgern), könnte das für Ärger sorgen. Getratzt zu werden muss aber nicht immer fies sein und kann auch eine harmlose Neckerei bedeuten.

Dass sogar der urbayerische „Oide Grantler“, ein übelgelauntes männliches Wesen, auf ein französisches Wort zurückführen lässt, wissen nur wenige. Das Verb „grander“ bedeutet nämlich schlicht und einfach „schimpfen“. Wo wir gerade beim granteln sind: Der beliebte bayerische Fluch „Sakradi!“ soll auf die französische Variante „sacré Dieu!“ zurückgehen und wenn ein Bayer zornig verkündet, dass er eine „blede Visasch“ nicht mehr sehen kann, ist das ausschließlich negativ gemeint, obwohl „le visage“ (= das Gesicht) in Frankreich selbstverständlich auch heute noch kein abwertendes Wort ist.

Bei der bayerischen „Schäsn“ reicht die Spannbreite der Wortbedeutungen vom Kinderwagen über ein altes Auto bis zu einer unangenehmen weiblichen Person. Beides sind „oide Schäsn“, während in Frankreich „la chaise“ ganz eindeutig eine Kutsche bezeichnet.

Wenn sich eine Kellnerin in Bayern für das Trinkgeld mit einem freundlichen „Merssi“ bedankt, verstehen das auch die französischen Gäste sofort.

Aber, Obacht! Einige der adaptierten französischen Begriffe haben im Bayerischen die Bedeutung gewechselt. Als eine „Bagage“ werden bei uns unangenehme, zwielichtige Menschen bezeichnet, während man in Frankreich mit „le bagage“ ganz harmlos das (Reise-) Gepäck meint. Ein „jean-foûtre“ ist im Französischen ein Nichtsnutz, wohingegen die bayerische Variante des „Schani“ eine männliche Person bezeichnet, mit der man freundschaftlich verbunden ist oder auch einen helfenden Mitarbeiter. Wir kennen diesen Begriff aus unserer Region allerdings ebenfalls mit der leicht negativ konnotierten Bedeutung eines eher großspurigen Herzensbrechers. Wenn eine Dame bei uns ihren „neuen Schani“ zu einer Festivität mitbringt, kann man sicher sein, dass dieses Exemplar für allerlei Klatsch sorgen wird.

Für Verwirrung dürfte bei französischen Gästen auch die Bezeichnung „Parterre“ in Gebäuden sorgen. Westlich des Rheins bedeutet „par terre“ im wahrsten Sinne des Wortes „auf dem Boden, auf der Erde“, während man hierzulande das Erdgeschoss damit meint (französisch: le rez-de-chaussée). Auch wenn Bayern erzählen, dass sie im Büro „toujour durchgearbeitet haben“ oder zu ihrem Reiseziel „toujour durchgefahren“ sind, mutet das für Franzosen seltsam an. „Toujours“ bedeutet dort „immer, jederzeit“, während die bayerische Abwandlung als Synonym für „ununterbrochen“ eingesetzt wird. Ähnlich verhält es sich mit dem Wort „partout“, das Bayern gerne als Verstärkung für eine Aussage verwenden. Dann zum Beispiel, wenn jemand „partout nicht auf sie hören“ oder sich „partout durchsetzen will“. Im Französischen bedeutet „partout“ allerdings „überall“.

Briefe werden in Bayern im Kuvert verschickt, wohingegen man in Frankreich le couvert (= Besteck, Gedeck) vor dem Essen auf den Tisch legt. Selbst der urbayerische Trachtenschmuck Charivari hat ein französisches Gegenüber – allerdings auch in diesem Fall mit einer anderen Bedeutung. (le charivari = das Durcheinander).

 

„Raritäten“ :

Auch wenn heute niemand einen Polizisten so bezeichnen würde, ist der Gendarm bayerischen Kindern auch heute noch geläufig in Form eines Detektivspiels namens „Räuber und Gendarm“.

Abschließen möchten wir unsere kleine Sammlung mit ein paar sprachlichen Raritäten im bayerischen Dialekt, die aus dem Französischen stammen, heute aber eher selten Verwendung finden. Im vorigen Jahrhundert fuhren die Züge in Bayern noch am „Perron“ ab (frz.: le perron = Außentreppe – andere Wortbedeutung) und die Fahrkarten wurden vom Kondukteur (frz.: le conducteur = Fahrer – andere Wortbedeutung) kontrolliert. Regnete es, spannte man den „Paraplü“ (frz.: le parapluie = Regenschirm) auf; schien die Sonne, kam der „Parasol“ (frz.: le parasol = Sonnenschirm) zum Einsatz. Noch heute trägt ein entsprechend geformter Waldpilz diesen Namen. Zuhause hängte man eine Lampe an den „Plafond“ (frz.: le plafond = Zimmerdecke) und wenn es nachts kalt war, griff man gerne zu einem flauschig-warmen Federbett, dem „Plümoh“ (frz.: le plumeau = Staubwedel – andere Wortbedeutung). In der guten alten Zeit flanierte man auf dem „Trottoir“ (frz.: le trottoir) und wenn man den Weg nicht wußte, fragte man den „Gendarm“ (frz.: le gendarm) danach.

Wenn Sie jetzt nach der Lektüre Hunger bekommen haben, empfehlen wir Ihnen zum Abschluß eine echte bayerisches Spezialität, das Böfflamott oder auch „Bifflamott“. Dahinter verbirgt sich eine Art Sauerbraten, der auf das französische Bœuf à la mode zurückgeht.

Falls Ihnen noch mehr französische Begriffe auf gut Bayerisch einfallen, schreiben Sie uns doch gerne über das Kontaktformular.

Merssi und Servus aus Bayern!

Ihr Team Communication 2.0

 

Glossar:
  • Bagage, die (immer im Plural) = schlechte Gesellschaft, unangenehme Menschen (frz.: le bagage = Gepäck) Andere Wortbedeutung
  • Böfflamott (auch Bifflamott), das  = bayerisches Rindfleischgericht mit saurer Soße (frz.: Bœuf à la mode)
  • Charivari = Schmuckkette für Trachten. (frz.: le charivari = Durcheinander). Andere Wortbedeutung
  • Etage, die = Stockwerk (frz.: l’étage)
  • Grantler, der = übelgelaunter Mann, Miesepeter (frz.: grander = schimpfen)
  • Kanapee, das (auch Canapee geschrieben) = Sofa (frz.: le canapé)
  • kommod: bequem. Adjektiv (frz.: se commoder = es sich bequem machen)
  • Kuvert = Briefumschlag (frz.: le couvert = Besteck, Gedeck) Andere Wortbedeutung
  • leger = locker, bequem (frz.: léger, légère)
  • Melange = Mischung (frz.: le mélange)
  • Merssi = Danke (frz.: merci)
  • partout = verstärkendes adverbiales Adjektiv im Bayerischen. Beispiel: partout nicht auf jemanden hören wollen. (frz.: partout = überall). Andere Wortbedeutung
  • Parterre = Erdgeschoß (frz.: par terre = auf dem Boden) Andere Wortbedeutung. (Erdgeschoss heisst le rez-de-chaussée)
  • Potschamperl, das = Nachttopf (frz.: le pot de chambre)
  • pressieren = es eilig haben, sich beeilen (frz.: presser = beschleunigen, vorantreiben)
  • retour = zurück (frz.: retour). Präposition. In Bayern bringt man beispielsweise eine Leihgabe retour oder berechnet eine Fahrstrecke nach der Entfernung „hin und retour“.
  • Sakradi = Sapperlott! Bayerischer Fluch (frz.: sacré Dieu)
  • Schani = freundschaftlich verbundene männliche Person oder helfender Mitarbeiter, vor allem in der Gastronomie (frz.: le jean-foutre = Nichtsnutz) (Andere Wortbedeutung)
  • Schäsn, die = Kinderwagen, altes Fahrzeug, aber auch als „oide Schäsn“ ein Spottname für eine „alte Schachtel“. (frz: la chaise = Kutsche)
  • schenant = gehemmt, verklemmt, schüchtern. Adjektiv (frz.: se gêner = sich genieren)
  • toujour = ununterbrochen . Wenn Bayern „toujour durchfahren“ bis an ihr Reiseziel, bedeutet das, dass sie keine Pause gemacht haben. (frz.: toujours = immer) Andere Wortbedeutung
  • tratzen = jemanden ärgern, jemanden quälen, jemanden necken. (frz.: tracasser)
  • Visasch = Gesicht, ausschließlich negativ gebraucht. Zum Beispiel: dia blede Visasch kann i nimma seng! (frz.: le visage)
  • visavis = gegenüber. Präposition. Auch als Substantiv üblich („Mein Visavis sagte…“) (frz.: vis-à-vis)

 

Bayerisch-französische „Raritäten“:

  • Gendarm = Polizist (frz.: le gendarm)
  • Paraplü = Regenschirm (frz: le parapluie)
  • Parasol = Sonnenschirm (frz.: le parasol)
  • Trottoir = Gehsteig (frz.: le trottoir)
  • Kondukteur: Schaffner (frz.: le conducteur = Fahrer) Andere Wortbedeutung
  • Perron = Bahnsteig (frz.: le perron = Außentreppe) Andere Wortbedeutung
  • Plafond = Zimmerdecke (frz.: le plafond)
  • Plümoh = Federbett (frz.: le plumeau = Staubwedel) Andere Wortbedeutung

(Alle Fotos: Pixabay)

 

Weiterführende Links:

https://muenchen.mitvergnuegen.com/2019/bayerische-woerter-uebersetzen/

https://muenchen.mitvergnuegen.com/2016/21-bayrische-redensarten-die-du-als-muenchner-kennen-solltest/

https://www.merkur.de/bayern/bayern-bayerisch-woerter-begriffe-muenchen-bedeutung-mundart-or-zr-90504316.html

https://www.sueddeutsche.de/bayern/franzoesischer-einfluss-im-bairischen-napoleon-der-alte-lackl-1.1579240

 

Französische Architektur in München:

https://www.abendzeitung-muenchen.de/muenchen/strassen-gebaeude-sprache-so-franzoesisch-ist-muenchen-art-350051

 

Rezept Böfflamott:

https://www.chefkoch.de/rezepte/1218501227358318/Muenchner-Sossfleisch-oder-Saures-Rindfleisch-oder-Boefflamott.html

 

 

 

 

 

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